gelesen: Ninni Holmqvist – Die Entbehrlichen

In einer Gesellschaft, die nur auf ihre produktivsten Mitglieder setzt, gehört Dorrit Wegner zu den »Entbehrlichen«. Allein lebend und ohne Kinder muss sie sich an ihrem fünfzigsten Geburtstag in ein Sanatorium einweisen lassen, das nur einem Zweck dient: die hier wohnen, haben sich für psychologische Tests und Organentnahmen zur Verfügung zu stellen. Dabei sollen Luxus und Komfort den »Entbehrlichen« die Endzeit ihrer Existenz so angenehm wie möglich machen. Auch Dorrit fügt sich scheinbar widerspruchslos in ihr neues Leben, bis sie einem Menschen begegnet, der ihr alles bedeutet. – Quelle: Amazon

 

liesmalwasDer Mensch als humangenetisches Ersatzteillager – sofort erinnert die Thematik des Romans an „Alles was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro. Während bei Ishiguro jedoch junge Menschen für Organspenden geradezu herangezüchtet werden, finden wir hier einen brisanten Unterschied: Bei den „Entbehrlichen“ handelt es sich um Personen, die ab ihrem 50. Geburtstag von der Gesellschaft nicht mehr „gebraucht“ werden – im Unterschied zu den „Benötigten“. Kinderlosigkeit ist eines der wesentlichen Kriterien für die Klassifizierung, während intellektuelle Fähigkeiten eine eher untergeordnete Rolle spielen. So werden die „Entbehrlichen“ in einem abgeschlossenen Luxus-Kosmos interniert und für menschliche Experimente und Organspenden, bis hin zur „Endspende“, genutzt. Interessanterweise scheint sich niemand wirklich zu wehren oder das System zu hinterfragen.

Der Klappentext bezeichnet das Buch als „Ethik-Thriller“, es liest sich schnell und spannend, verzichtet aber wohltuend auf zuviel klischeehaften Thrill. Die klare und sachliche Sprache der Autorin erzeugt keine reißerischen Effekte, portraitiert das Geschehen dafür umso realer. Die Duldsamkeit der Patienten scheint beinahe schon von Kafka inspiriert. Da „Die Entbehrlichen“ aus der Ich-Perspektive des Hauptcharakters Dorrit erzählt wird, findet eine Auseinandersetzung mit dem zentralen Thema der zugrundeliegenden „Wertigkeit“ immer nur am Rande statt. Gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen werden nur gegen Ende kurz gestreift, ein Großteil der Interpretation wird dem Leser überlassen, und vermutlich ist gerade das der Grund, warum die Lektüre Eindruck hinterlässt. Das Ende – soviel verrate ich – ist völlig unerwartet.

pfeil   ebenfalls gelesen von Ninni Holmqvist: Die Verführten. Zum Blogartikel bitte hier entlang 🙂

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